Fair, fein, fit! – Trainiere Dein Pferd auf faire Weise mit feinen Hilfen fit!

Immer wieder entbrennen in der Reiterszene hitzige Diskussion um den Einsatz von Gebissen, Sporen und anderem „Zubehör“. Neue Hilfszügel, Zäumungen und Trainingsmethoden erobern im Sturm den Markt. Alt Bewährtes wie Neues wird kritisiert, verteufelt oder in den Himmel gelobt, je nachdem, welchem „Lager“ man gerade angehört. Die zugrundeliegende Intention ist lobenswert: unser Pferd fair behandeln, fein reiten und es zum fitten Athleten trainieren zu wollen. Doch das wirklich Entscheidende gerät dabei leicht aus dem Blickfeld: Wir können jedes Werkzeug, Hilfsmittel und auch jede Trainingsmethode zum Wohl unseres Pferdes gebrauchen oder als Folterinstrument missbrauchen. Oft liegt es im wahrsten Sinn des Wortes in unserer Hand, immer in unserer Macht!

Erweisen wir uns der Macht über das Wesen in unserer Obhut als würdig!

„Dein Pferd braucht und verdient Dein bestes Du!“ (Tuuli Tietze)

Indem wir ein Pferd in unsere Obhut nehmen, üben wir in allen Belangen die Macht über dieses Wesen aus: wir entscheiden und müssen deshalb auch verantworten, wie es lebt, was es isst und wie es seine Zeit auf diesem Planeten verbringt, wie es seinen Kopf und seinen Körper in der Zeit mit uns gebraucht – und durch seine Lerneffekte auch darüber hinaus.

Wenn wir ehrlich mit uns sind, beschränkt sich unsere Macht im Umgang und im Training mit ihm nicht nur auf den Einsatz von Zubehör, sondern beginnt bereits beim bewussten (oder unbewussten) Gebrauch unserer körpersprachlichen Ausstrahlung. Allein durch unser Auftreten – ohne irgendwelche Hilfsmittel zu benutzen – können wir, das „Raubtier Mensch“, unser Fluchttier Pferd derart mental unter Druck setzen, dass es mit leerem Blick resigniert. Oder wir lassen es mangels gelassenen Führungsverhaltens gefühlt im Stich, sodass es keine innere Sicherheit in unserer Obhut findet und permanent innerlich unter Stress steht.

Machen wir uns bewusst, dass es oftmals ein sehr schmaler Grad ist, in welcher Weise wir auf unser Pferd wirken und – auch über unsere Körpersprache hinaus – auf es einwirken. Nur aus dieser Bewusstheit heraus können wir uns einen fairen Verhaltenskodex zu Fuß und im Sattel aneignen, zu dem vor allem gehört, unsere körpersprachliche Kommunikationsfähigkeit auf ein neues Niveau zu entwickeln, sodass wir uns unserem Pferd kristallklar mitteilen können. Ebenso gilt es, unsere Beobachtungsgabe zu schulen, uns immer mal wieder in die Hufe unseres Pferdes zu versetzen und z.B. das heutige Trainingspensum oder unsere Erwartungen situativ anzupassen.

Fair zu reiten heißt, uns unserer Wirkung, mental und körperlich, bewusst zu sein und unser Pferd wie ein wohlwollender Mentor anzuleiten, in unserer Obhut mental und körperlich zu reifen.

Die Not-To-Do-Liste für faires Reiten

Ein fairer Verhaltenskodex entsteht nicht von allein, sondern basiert darauf, dass wir unser Verhalten bewusst steuern. Denn schließlich sind wir alle Menschen und dem einen oder anderen reißt gern mal der Geduldsfaden, der nächste erstarrt vor Angst, der Dritte kocht schon mal vor Wut und ein weiterer übertreibt maßlos, weil er schlicht den Umstehenden zeigen will, was er und sein Pferd alles können… All das ist menschlich, nachvollziehbar und sogar fest in uns automatisiert. Die gute Nachricht ist: Wir haben die Wahl! Wir sind tatsächlich in der Lage, Entscheidungen über unser Verhalten zu treffen und uns dann auch so zu verhalten. Letzteres erfordert natürlich den Einsatz von Willenskraft, doch wenn wir lange genug durchhalten (neueste Studien gehen von 66 Tagen aus), automatisieren wir über die Zeit das neue, gewünschte Verhalten.

Faires Verhalten betrifft vor allem die vielen kleinen Dinge, die wir täglich im Umgang mit unserem Pferd tun. Eine hilfreiche Übung ist deshalb, aufzuschreiben, welche Verhaltensweisen wir unserem Pferd gegenüber an den Tag legen, das wir in Zukunft abstellen möchten. Dazu ergänzen wir alle Dinge, die wir bei anderen Reitern beobachten und auf keinen Fall tun wollen. Ist unsere Not-To-Do-Liste für heute vollständig (es lohnt sich, sie von Zeit zu Zeit zu ergänzen), überlegen wir uns, was wir stattdessen tun wollen.

Beispielsweise könnten wir uns überlegen, dass wir beim Angaloppieren immer auf Widerstand unseres Pferdes stoßen. Es ist einfach nicht reaktionsfreudig genug und galoppiert auf eine dezente Hilfe schlicht nicht an. Hinterfragen wir nun, was wir selbst bisher für seine Reaktionsfreude tun, fällt uns womöglich auf, dass wir unser Pferd mit der Galopphilfe überfallen. Das ist ein wichtiger Punkt für unsere Not-To-Do-Liste, den wir sehr konkret oder – ob der Wichtigkeit dieses Prinzips – gleich als allgemeine Verhaltensregel für uns definieren: "Überfall Dein Pferd nicht mit Deinen Hilfen, sondern bereite es so vor, dass es gar nicht anders kann, als korrekt zu antworten!"

Klarheit ist die Basis eines fairen, feinen Dialogs

Unsere neue Klarheit führt damit zu einer entscheidenden Verhaltensänderung und zu einer fairen Körpersprache. Ein wichtiges Element dafür wiederum ist, dass wir stets ein eindeutiges Startsignal für eine Lektion oder Übung geben, damit unser Pferd die Chance hat, sich bereit zu machen und prompt auf unsere Bitte zu reagieren. Konkret könnte das für unser Beispiel zum Angaloppieren so aussehen:

Bisher unfair:

Wir wollen angaloppieren, geben die Galopphilfe, bekommen keine Reaktion, buffen mit den Schenkeln und setzen schließlich die Gerte ein, damit unser Pferd endlich anspringt. Das Problem: Wir haben unser Pferd nicht sauber vorbereitet und dürfen deshalb keine prompte Antwort erwarten.

Das war keine Hilfe, sondern ein Überfall!

Ab sofort fair:

Wir richten uns schon etwa 5m vor dem gewünschten Punkt des Angalopps auf, erhöhen unser Energielevel, sammeln dadurch unser Pferd mental und physisch ein. Wir fühlen hinein, ob es mit seiner Aufmerksamkeit bei uns und korrekt gestellt, locker im Genick, körperlich von hinten geschlossen ist. Wir setzen uns dezent in die Galopp-Position, richten seine Vorhand im leichten Schultervor korrekt vor seiner Hinterhand aus und schwingen es, sofern alles passt, mit einem sanften Beckenimpuls in den Galopp. Unser Pferd reagiert gern und prompt, denn mit unserem Aufrichten gaben wir ihm zu verstehen: „Achtung, mach Dich bitte bereit, ich habe gleich eine Bitte!“ Unsere Sitzposition rahmte es bereits für den kommenden Galopp ein. Und unser dezenter Beckenimpuls war dann das eindeutige Startsignal, auf das unser Pferd bereits wartete.

Das war kein Überfall, sondern eine sauber vorbereitete Hilfe!

Wenn die Vorbereitung stimmt – sowohl was das Verständnis betrifft, das wir schon vom Boden aus gesichert haben, als auch in Bezug auf die 5m-Phase vor dem Angalopp –, kann unser Pferd kaum anders, als korrekt zu antwortet. So wie Youngster "Q", der hier in seinem tatsächlich allerersten Galopp unter dem Sattel zu sehen ist (deshalb auch der leichte Entlastungssitz).

Klarheit macht uns für unser Pferd vorhersagbar und somit sicher einschätzbar

Aus diesem Beispiel wird deutlich, dass wir mit unserer neuen Bewusstheit auch ein Gefühl für immer feinere Signale und Hilfen entwickeln. Denn nun haben wir einen klar definierten Prozess, uns selbst zu erziehen, unsere Startsignale immer dezenter zu geben: indem wir uns selbst die Frage stellen, wie wir die nächste Hilfe noch weniger intensiv, doch ebenso klar kommunizieren können. Unser Lernprozess wiederum ermöglicht unserem Pferd, immer genauer zu lauschen und die feinsten Änderungen in unserem Ausdruck wie gewünscht zu beantworten. Konkret funktioniert das in 3 Schritten:

Der Klarheits-Entwicklungsprozess — bewusst gestaltet

Schritt 1 – Planen vor dem Ritt

Wir nehmen uns für eine Trainingseinheit ein, maximal zwei Fokusthemen vor: konkrete Lektionen, Übergänge oder Übungsteile, wie z.B. das oben beschriebene Angaloppieren. Wir machen uns unsere Hilfengebung dafür im Detail bewusst. Das dauert nicht lange, einmal kurz im Kopf durchspielen ist vollkommen ausreichend. Dabei legen wir fest, wie früh wir im Ritt mit der Vorbereitung beginnen werden, wie unser eindeutiges Startsignal konkret aussieht und wie wir ggf. deutlicher werden können, falls unser Pferd nicht sofort korrekt antwortet.

Schritt 2 – Vorbereiten und ausführen im Ritt

Im Ritt prüfen wir beim ersten Angalopp, ob unsere Vorbereitung rechtzeitig war und ob wir für unser Pferd klar genug agiert haben.

Schritt 3 – Nach dem Angalopp ist vor dem Angalopp!

Je nachdem, was Schritt 2 ergeben hat, war unsere Vorbereitung und Ausführung gut getimt und kristallklar kommuniziert oder wir müssen etwas ändern. Zusätzlich zu den eventuellen Verbesserungen, die wir im nächsten Angalopp auf dieser Basis vornehmen werden, stellen und beantworten wir uns die Frage: Wie kann ich mein nächstes Startsignal noch weniger intensiv / dezenter / unsichtbarer, doch für mein Pferd ebenso klar oder sogar deutlicher kommunizieren?

Dieser dritte Schritt macht uns unser Entwicklungspotenzial für die kommenden Galopp-Übergänge bewusst, sodass wir in den weiteren Ritten der nächsten Tage bis Wochen darauf aufbauen können. Wichtig dabei ist, unsere Fokusthemen zu rotieren, sodass wir uns nicht an einem Thema festbeißen. Die eigentliche Entwicklung, sowohl muskulär als auch mental, findet ohnehin in den Pausen statt, wenn die Inhalte Zeit haben, wirklich tief einzusinken.

Indem wir unsere reiterlichen Fähigkeiten anhand dieser drei Schritte kontinuierlich weiter entwickeln, festigen wir unseren fairen Verhaltenskodex und fördern zugleich die Feinheit unserer Hilfen. Zudem steigt damit unser gesundes Urteilsvermögen über den Wert bzw. fehlenden Nutzen neuester Werkzeuge, Techniken und Trends aus der Reiterszene. Indem wir uns klar werden über das, was wir möchten und wie wir uns dafür im Dialog mit unserem Pferd ausdrücken wollen (oder eben nicht), versetzen wir uns in die Lage, Bewährtes zu bewahren und dennoch über den Tellerrand hinaus zu schauen und sinnvolles Neues in unser Reiten zu integrieren.

In der Folge wächst unser Repertoire an Fähigkeiten kontinuierlich an und die nutzen wir zugleich, um auch den Fundus unserer Trainingsinhalte auszubauen: mit neuen Übungen, mit denen wir unser Pferd zum geistig und körperlich fitten Athleten trainieren und gemeinsam mit ihm immer höhere Niveaus an Können und Fitness meistern.

Das "Ritte-Stapeln" für einen Zuwachs an Können und Fitness

Wie das konkret geht? Indem wir die Übungen, die uns in der Reiterei begegnen, zuerst nachreiten und in ihren Ablauf hinein fühlen, sie dann abwandeln und schließlich selbst neue Übungen für unser Training kreieren. Entscheidend dabei ist, dass wir auf unserem persönlichen Könnensstand starten. Wenn uns eine Übung noch zu anspruchsvoll erscheint, ist sie dennoch für uns geeignet: Wandeln wir sie in einen gangbaren Entwicklungspfad! Das gelingt z.B., indem wir sie in Abschnitte unterteilt üben, anspruchsvolle Lektionen durch weniger anspruchsvolle ersetzen oder uns durch zusätzliche Volten oder Zirkel mehr Zeit für die saubere Vorbereitung bis zum klaren Startsignal der nächsten Lektion einbauen.

Auf diese Weise stapeln wir die vielen, vielen kleinen Fortschritte in unseren einzelnen Ritten mit der Zeit aufeinander und erreiten uns gemeinsam mit unserem Pferd einen Meilenstein auf dem Weg zu unserem nächsten großen Ziel.

Mit dem Ritte-Stapeln-Prinzip gibt es immer Grund für Lob, denn Du weißt, was Du möchtest, Du weißt, was Du erwartest, Du vermagst, dies Deinem Pferd zu vermitteln. Und: Du erreitest gemeinsam mit ihm in jedem Ritt eine – noch so kleine oder hin und wieder auch größere – Verbesserung an Können und Fitness!

Im Ritte-Stapeln wird deutlich: Für das faire, feine Fit-Trainieren unseres Pferdes ist unsere Kreativität gefragt, gepaart mit reichhaltigem Wissen, aus dem wir schöpfen können und der Bereitschaft, dieses Wissen konstant zu erweitern, Ritt für Ritt. Damit ist unsere beste und nachhaltigste reiterliche Investition von Geld, Zeit und Gehirnschmalz die in uns selbst. Nur so kann es uns gelingen, das fundamentalste aller reiterlichen Leitmotive konstant zu verkörpern.

„Mein Pferd braucht und verdient mein bestes Ich – in jedem Moment!“

 

Tipp: Wie Du dieses SMARTreiten®-Leitmotiv in der Praxis mit Leben füllst, indem Du Übungen für den Körper und den Kopf kreierst und im Training nutzt, um gezielt Technikfortschritte und Fitnesszuwächse zu erreiten, zeigt Tuuli Dir in ihrem neuen Onlineseminar „Fair Fein Fit – Pferdetraining für Körper & Geist“. Darin erlernst Du eine Schlüsselfähigkeit pferdegerechten Reitens: wie Du gemeinsam mit Deinem Pferd Ritt für Ritt Euer persönliches nächstes Level meisterst!

Mehr dazu: www.smartreiten.de/fff

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